Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (02/12)

Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
(2. Korintherbrief 12, Vers 9) Jahreslosung für das Jahr 2012

Liebe Leserinnen und Leser,

was antworten Sie auf die Frage: Was kannst Du ganz besonders gut? - Fällt Ihnen dazu auf Anhieb etwas ein oder müssen Sie erst eine Weile nachdenken? Oder würden Sie sagen: „Ach, so richtig gut kann ich eigentlich gar nichts, es ist alles eher so mittelmäßig“ Sind die eigenen Ansprüche nicht oft viel zu hoch, um der Ansicht zu sein, dass ich in der einen oder anderen Sache eine Begabung habe? Könnte es nicht immer noch viel besser sein?

Oder ist es genau umgekehrt: Bin ich in manchen Bereichen etwa zu sehr von mir selbst überzeugt, so dass ich gar nicht mehr sehe, dass es durchaus noch Defizite gibt? Gab es durchaus mal Zeiten, in denen ich leistungsstark war, mir nun aber nicht eingestehen kann, dass ich durch mangelnde Übung sehr viel davon verloren habe?

Es ist so eine Sache mit den eigenen Stärken und Schwächen. Mal stelle ich das eigene Licht unter den Scheffel, mal leide ich an Selbstüberschätzung. Aber wenn es darum geht, was andere von mir halten, versuche ich dann nicht, möglichst gut, möglichst stark dazustehen? Wenn ich von jemandem, der große Stücke auf mich hält, auf einmal durchschaut werde oder seinen Ansprüchen nicht mehr genüge, dann ist mir das äußerst unangenehm.

In unserer Gesellschaft ist es wichtig, die eigenen Stärken herauszukehren. Eine junge Frau, die gerade eine Bewerbungsmappe erstellte, sagte: „Ich habe so viele Praktika und Fortbildungen gemacht, ich werde nur die wichtigsten angeben.“ Das sagte sie, weil sie der Meinung war, dass sich hinter dem Titel einer Fortbildung inhaltlich oft weniger verbarg, als dieser vermuten ließ. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, Kompetenz und Wissen auf Gebieten zu haben, wo es gar nicht der Fall war. - Aber gerade in Bewerbungsverfahren kommen wir oft gar nicht umhin, hier und da zu „blenden“, uns besser darzustellen, als wir sind.

Wem kann ich anvertrauen, dass ich auch Schwächen habe?
Und wie gehe ich selbst mit meinen Schwächen um?
Vor uns liegt wieder ein schönes langes Jahr. Vieles, was wir anfassen und anfangen, wird sicherlich gelingen. Aber anderes wiederum ist zum Scheitern verurteilt.
Wie stehe ich zu dem, was mir nicht gelingt?
Was mache ich, wenn andere mir nichts mehr zutrauen: „Du kannst doch nichts“ „Du hast doch sowieso keine Ahnung mehr, du bist inzwischen viel zu alt...“?
Niederlagen gehören nicht nur einfach zum Leben dazu. Sondern es ist mehr: Nach Jahren kann ich oft spüren, dass es gerade die Niederlagen waren, an denen ich gewachsen bin.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Christus. Dieses Versprechen lässt einen Menschen wie den Apostel Paulus sagen: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“.

Ist es nicht manchmal viel stärker, die eigene Schwäche zugeben zu können, sie auszuhalten und anzunehmen als ein Teil, der zu mir gehört? Wer sagt denn überhaupt, dass ich immer stark sein muss?

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, denn kann ich zu dem Teil von mir stehen, der mich erst zu einem ganzen Menschen macht. Und darüber hinaus kommt meine Kraft dann von anderswoher zu mir: Von Gott selbst.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes 2012 und grüße Sie herzlich

Pfarrerin Margret Noltensmeier  

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (12/11)

Liebe Leserinnen und Leser,

„Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast“ So heißt es in einem alten Adventslied (Mit Ernst, o Menschenkinder, EG 10, 2)

Wieder sind wir im Advent angekommen. Dass schon wieder bald Weihnachten ist, erscheint in diesem Jahr noch ein wenig unglaublicher als im letzten. Ob es mir gelingt, mich auf das Fest einzustimmen, ob ich etwas spüren werde von der Vorfreude?

In Schwalenberg war bislang immer der Weihnachtsmarkt am ersten Adventswochenende eine Etappe auf dem Weg bis Weihnachten. Zum ersten Mal nach langer Zeit bricht in diesem Jahr die Tradition ab, weil der Markt nicht stattfindet. Schade, aber folgerichtig, nachdem die Besucherzahlen so stark eingebrochen waren. Aber an dem besagten Wochenende wird mir schon etwas fehlen: die unverhofften Begegnungen mit Menschen, die ich lange nicht gesehen habe, die feste Verabredung mit Freunden („Wir treffen uns spätestens beim nächsten Weihnachtsmarkt“), die Weihnachtsmusik des Posaunenchores oder die Verlegung des Mittagessens an einen der Stände.

Wenn plötzlich etwas weg fällt, was es immer gab, was immer so war, ist das einerseits traurig. Auf der anderen Seite hilft es mir aber auch, mich auf das zu besinnen, was ist. Es hilft mir, deutlicher zu sehen und anzuerkennen, wie vielfältig, wie reich das Leben trotzdem ist. Zeit und Raum werden nun frei für etwas, was vielleicht immer schon mehr Beachtung, mehr Aufmerksamkeit wollte, was ich aber immer übersehen habe.

Anerkennen, was ist: Das ist manchmal ganz schön schwer. Wie oft bin ich mit dem beschäftigt, was ich gern erreichen möchte, wie ich`s gern hätte oder wie ich gern wäre? Dabei geht mein Blick oft weg von dem, was schon da ist und was gut und zufriedenstellend ist in meinem Leben. Vielleicht wäre das eine gute Übung für die Adventszeit, eine Art der Besinnung: jeden Tag ein paar Minuten innezuhalten und mir vor Augen zu stellen, was gut und gelungen ist, womit ich zufrieden bin.

Anerkennen, was ist: Zum einen nehmen wir das Gute im eigenen Leben oft als etwas Selbstverständliches, schenken ihm zu wenig Beachtung.
Zum anderen scheint es uns manchmal aber auch schwer zu fallen, das Gute im Leben anderer Menschen anzuerkennen. Was erzähle ich eigentlich über andere Menschen, wenn ich von ihnen erzähle? Sind es ihre positiven Eigenschaften, die ich hervorhebe oder verstärke ich eher das Negative, das mir auffällt oder das ich irgendwo aufgeschnappt habe?

Von Sokrates wird berichtet, dass jemand voll Aufregung zu ihm kam und sagte: „Stell Dir vor, was ich neulich von dem und dem gehört habe...!“ Daraufhin habe ihn Sokrates unterbrochen und ihn gefragt, ob er das, was er ihm erzählen wolle, zuvor durch die drei Siebe gesiebt habe. „Drei Siebe?“ fragt der andere. „Ja, drei Siebe“ antwortet der weise Sokrates. „Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast Du geprüft, ob auch wirklich wahr ist, was Du mir erzählen willst?“ „Nein, ich hörte es jemand erzählen.“ „So, so! Das zweite Sieb ist das Sieb der Güte. Ist das, was Du mir erzählen willst, wenigstens gut?“ Zögernd sagte der andere: „Nein, das eigentlich nicht, im Gegenteil....“- „Hm“, unterbrach ihn Sokrates, „so lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden: Ist es notwendig, mir das zu erzählen, was Dich so erregt?“
„Notwendig nun gerade nicht...“- „Also“, lächelte der weise Sokrates, „wenn das, was Du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste mich und dich nicht damit.“

Was ich sage und erzähle, geht mir oft ganz schnell - ohne großes Nachdenken - über die Lippen. Ist es wirklich immer wahr, gut und notwendig? Oder prüfe ich das gar nicht mehr nach? Erzähle ich alles, was ich höre, auch gern „unzensiert“ weiter? Weiß ich manchmal vielleicht schon gar nicht mehr, dass ich einem Gerücht aufgesessen bin? Ist dann das Gerücht sogar schon „meine“ Wahrheit geworden?

Die Adventszeit ist eine Bußzeit, eine Zeit der inneren Besinnung, der Vorbereitung auf das Kommen des Heilands. Um meine Worte, die mir über die Lippen gehen, zu prüfen, bedarf es der Einkehr, der Ruhe. Es sind die Feinheiten, die sich gerade in dieser Zeit einer Korrektur unterziehen dürfen. So dass dann die Worte des Adventsliedes ganz zum Tragen kommen kann:
Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast;
macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst!

In diesem Sinne wünsche Ihnen allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit,
herzlichst Ihre

Pfarrerin Margret Noltensmeier  

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (10/11)

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Jesaja 42, Vers 3

Liebe Leserinnen und Leser,

das ist der Wochenspruch für die Woche, in der ich diese Andacht schreibe. Ich habe es sehr gern, dieses Jesajawort und es liegt wohl an der Perspektive, an der unglaublichen Hoffnung, die es vermittelt: Nicht (völlig) zerbrochen werden, nicht ausgelöscht werden, das gibt eine Zuversicht, die vielleicht mehr Menschen brauchen, als wir uns vorstellen können.

Das geknickte Rohr...wird er nicht zerbrechen: Ich sehe einen Grashalm vor mir oder ein Schilfrohr, umgeknickt, abgeknickt. Wird sich solch eine Pflanze wieder aufrichten können? - Geknickt, das ist aber auch eine bildliche Beschreibung für einen Zustand, in dem wir als Menschen sein können. In unserer Region hatte ich manchmal den Eindruck, dass das Wort „geknickt“ zuweilen etwas verharmlosend gebraucht wird: „Bist Du jetzt etwa geknickt?“ habe ich noch als Frage im Ohr, die mir Erwachsene gestellt haben, als ich ein Kind war. Vielleicht sollte es heißen: Bist Du jetzt etwa verärgert, traurig oder unzufrieden? - Dabei ist es viel schlimmer, geknickt zu sein. Es ist eine Verletzung voraus gegangen, nach der nichts mehr so ist, wie es einmal war. Im Alltag geht oft alles so weiter, geht alles seinen normalen Gang, und trotzdem liegt ein Schatten über dem Leben. Vielleicht kennen Sie das: Sie sehen einen Menschen nach einer Weile wieder und er ist ganz anders als sonst, scheint seine Fröhlichkeit und seine Leichtigkeit verloren zu haben: Er/sie ist geknickt.

Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Viele Menschen haben das Gefühl, nur noch zu glimmen, wenn überhaupt. Die Anforderungen des Alltags, des Berufs, die Enttäuschungen und Rückschläge bedrohen die Begeisterung, die einmal da war. „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele.“ sagt der Prophet Elia, als er sich vor Eifer verzehrt zu haben scheint. Elia, der ausgebrannte Prophet, der vielen Menschen mit Burnout-Syndrom auch in nicht kirchlichen Kreisen bekannt ist. Nichts geht mehr, kein weiterer Schritt ist möglich, das Feuer ist erloschen: Elia kann sich nur noch - wie viele Menschen unserer Tage auch - in die Höhle (der Depression) zurück ziehen.

Wie gefährlich ist es für einen glimmenden Docht! Wie bedroht ist er, wie schnell kann er erlöschen! Wie schwer ist es für einen geknickten Halm, sich wieder aufzurichten! Wenn ich einen sehe, ist der näher liegende Impuls, ihn abzubrechen, um ihn nicht so traurig dort liegen zu lassen. Doch gerade das wird Gott nicht tun, sagt der Prophet Jesaja. Nicht zerbrechen: Natürlich bedarf es meistens fachlicher Hilfe, damit ich nicht ganz zerbreche oder ausbrenne. Aber darüber hinaus habe ich eine viel weitere Perspektive, die Gott mir gibt. Nicht zerbrechen: Gott nimmt mich mit meinem „Knick“ an und ich kann auf diese Weise lernen, damit zu leben, möglicherweise sogar intensiver, bewusster und aufmerksamer als ohne. Vielleicht bin ich auch offener für das Licht, das Gott in mein Leben strömen lässt. Ja, es kann sein, dass ich es nur aufgrund meines „Knicks“ überhaupt wahrnehme. Leonard Cohen hat es einmal folgendermaßen gedichtet und gesungen: „There is a crack in everything, but that`s how the light gets in.“ Erst durch den Knick, durch den Knacks kann das Licht in mein Leben gelangen.

Ich wünsche Ihnen, dass die Kraft des wunderbaren Jesajawortes Sie dort erreicht, wo Sie sie brauchen.

Herzlichst, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier  

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (08/11)

Liebe LeserInnnen,

wenn Sie diesen Brief in den Händen halten, haben endlich die lang ersehnten Sommerferien angefangen. Dieses Schuljahr war lang, die Kinder können nicht mehr, sie brauchen endlich eine Pause.

Die Sommerpause - auch wer keinen Urlaub hat oder nicht berufstätig ist, merkt, dass während dieser Zeit das Leben etwas ruhiger verläuft, dass der Alltag unterbrochen wird und Zeit zum Innehalten da ist.

Viele Menschen nutzen diese, um den Schreibtisch oder sogar den Keller und den Dachboden aufzuräumen, damit es nach den Ferien geordnet in das zweite Halbjahr gehen kann. Wer von uns sich das vorgenommen hat, kann jetzt schon gespannt auf die Dinge sein, die er bei solch einer Aktion mit Sicherheit wieder entdeckt. Es kann wie Weihnachten sein: Längst verloren Geglaubtes taucht auf einmal wieder auf und es ist irgendwie schön, es erneut in der Hand zu halten und die Erinnerungen schweifen zu lassen. „Wie ging es mir zu der Zeit, als dieser Gegenstand wichtig war, als ich ihn gebraucht habe? Wozu habe ich ihn benutzt, was habe ich mit ihm erlebt?“ Was mache ich mit dem wieder Gefundenen? Vielleicht betrachte ich es eine Weile, und muss mich dann aber entscheiden, es – wenn auch etwas schweren Herzens- zu entsorgen, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Möglich ist aber auch, dass ich es noch einmal gebrauche, ihm einen neuen Platz zuweise.

Verlieren und Finden sind Lebensthemen.
Vielleicht haben manche von Ihnen auch schon einen guten Freund oder eine gute Freundin wieder gefunden: Erst gab es über viele Jahre keinen Kontakt, weil andere Dinge wichtiger waren, die Lebenswege verschieden. Dann aber wird irgendwie der Faden wieder aufgenommen und es wird deutlich, dass da eine Basis war, die eine tiefe Beziehung möglich macht.

Im Laufe des Lebens bin ich aber auch immer in der Gefahr, mich selbst zu verlieren. Manchmal geschieht es unmerklich, dass ich mich Gegebenheiten oder Umständen anpasse und irgendwann erkenne, dass ich mich stark nach anderen Menschen richte, mich in eine Richtung verändere, in die ich eigentlich gar nicht möchte und plötzlich erkenne, dass ich etwas von mir selbst verloren habe: einen Teil meiner Fröhlichkeit vielleicht, manche Träume oder sogar die eine oder andere Fähigkeit. Diese Entdeckung kann ganz schön erschreckend sein oder traurig. Aber trotzdem ist sie der Beginn einer heilsamen Veränderung.

Verlieren und Finden: Neulich sagte jemand, dass wir Menschen nicht nur Dinge, Menschen oder uns selbst finden oder wieder finden können, sondern dass wir auch gefunden werden können. Dem Finden muss nicht immer eine aktive Suche meinerseits voraus gehen. Im Gegenteil: Ich kann zum Beispiel einem Ziel hinterher rennen, kann es mit Mühe und Anstrengung verfolgen, ohne wahr haben zu wollen, dass ich es nicht erreiche. Doch dann werden die Weichen plötzlich ganz woanders gestellt, da, wo ich sie gar nicht erwartet hätte. Der Weg, den ich gehen soll, findet mich.

Ich wünsche Ihnen allen spannende Erfahrungen beim Suchen und Finden auch im Sinne folgender Worte von Sr. Gisela Ibele:
Mit der Gleichgültigkeit,
mit der wir uns selbst gegenüber treten,
werden wir auch auf andere sehen und sie verlieren.
Mit der Leidenschaft,
mit der wir füreinander da sind,
werden wir uns auch selbst finden.

Einen guten Sommer wünsche ich Ihnen, herzlichst Ihre

Pfarrerin Margret Noltensmeier

                                                                                                           

Andacht von Pastor Erhard Beckmann(06/11)

Apostelgeschichte Kapitel 2

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wenn man die seelisch-geistige Verfassung der Jünger Jesu nach Karfreitag und Ostern schildern wollte, dann sähe das so aus: mutlos, ängstlich, enttäuscht, resigniert, wie gelähmt.
Doch nach Pfingsten waren sie wie verwandelt: mutig, ohne Furcht, voller Zuversicht, mit großer Hoffnung – alles kam in Bewegung.
Es wird in der Apostelgeschichte berichtet, wie die Jünger „begeistert“ wurden. Da man das nur schildern kann, benutzen die Erzähler Bilder: Man hätte meine können, Flammen schlügen aus ihren Köpfen, ein Wind hätte sie erfasst. Nun sind die Jünger „Feuer und Flamme“ für Jesus. Sie sind „brennend“ bei der Sache Jesu. Von der Liebe zu Jesus sind sie „durchglüht“. Ihnen war ein „Licht aufgegangen“. Ein „frischer Wind“ wehte und trieb sie in alle Himmelsrichtungen auseinander, um zu missionieren. Feuer und Wind sind Bilder für den Geist Gottes. Diesem Geist kann man nicht befehlen. Man kann ihn aber erbitten. In den Pfingstgottesdiensten singen wir die Bitte: „Komm, Heiliger Geist!“ (EG 125). Weil diese Begeisterung fehlt, bitten wir um sie. Frischer Wind und neu entflammt werden – das tut uns Not. Wer bräuchte ihn nicht: den Geist der Zuversicht, der Hoffnung, des Vertrauens, der Liebe, der Barmherzigkeit, des Friedens und der Versöhnung? Er ist Mangelware, nicht nur in der Kirche, sondern überall.

Es war in Afrika: Ein Mann sagte, er glaube nicht an Gott, weil er ihn nicht sehen könne. Da nahm ihn ein anderer mit vor seine Hütte und zeigte ihm die Spuren von einem Löwen im Sand. „Den Löwen hast du auch nicht gesehen, als er heute Nacht um die Hütte schlich. Aber seine Spuren kannst zu sehen!“ (Verfasser unbekannt).

Jesus können wir seit der Himmelfahrt nicht mehr sehen, aber er hinterlässt Spuren. Wo sich Menschen dem Geist Jesu, dem Heiligen Geist, öffnen, da hinterlassen sie auch Spuren. Christen wollen Christi Hände, Füße und Lippen sein. Christen sollen Christus präsent machen, ihn in dieser Welt repräsentieren.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest und eine gute Sommerzeit!

Ihr Pastor Erhard Beckmann 

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (04/11)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Erschütterung geht um die Welt.
In der letzten Woche wurde Japan von einer Katastrophe heimgesucht, nach der nichts mehr so ist, wie es war.

Zum dritten Mal erlebe ich es mit, dass die Welt mit einem Geschehen konfrontiert wird, das sie still stehen lässt: das erste Mal Ende April vor 25 Jahren nach dem atomaren GAU in Tschernobyl und das zweite Mal am 11.September 2001.

Ich merke, wie es mir ähnlich geht wie nach den Ereignissen damals. Es sind die Bilder des Leids, die Einzelschicksale, die jetzt immer präsent sind, die mir unter die Haut gehen, obwohl alles so weit weg ist. Ich sehe die Frau, die zitternd den Telefonhörer in der Hand hält und die Namen ihrer Angehörigen nennt, die sie nach dem Tsunami nun schon Tage lang vermisst. Die Frau zittert so stark, dass sie fast den Hörer fallen lässt und sie auch keine Gewalt mehr über ihre Stimme hat. Doch was wird sie denn auch im nächsten Moment erfahren? Es kann doch sein, dass dies der Moment ist, in dem alles ausgelöscht ist, was ihr Leben war.
Ich denke an den Mann, der davon erzählt, dass er seine Kinder hat von den Fluten wegreißen sehen. Wie kann man mit solch einem Schicksal fertig werden, wie kann man danach noch weiter leben?

Vor allem aber beschäftigt mich das Schicksal der 50 Techniker, die zum jetzigen Zeitpunkt noch im Atomkraftwerk Fukushima I geblieben sind, um eine noch größere Katastrophe abzuwenden und den Meiler nicht einfach sich selbst zu überlassen. Wer sind diese Männer? Ihre Gesundheit, wenn nicht sogar ihr Leben, sind bedroht. Wie lange werden sie noch weiter leben, nachdem sie „ihre Mission“ erfüllt haben? Wie stark sind sie den tödlichen Strahlen ausgesetzt? Wie ist es möglich, dass Menschen das können: gegen den eigenen Selbsterhaltungstrieb angehen und ihr Leben für eine größere Sache „opfern“?

Jeder und jede von Ihnen, liebe Gemeinde, ist auf eigene Weise mit den Nachrichten aus Japan beschäftigt. Wie es sein wird, wenn dieser Gemeindebrief erscheint, kann ich nicht sagen. Ob die Welt dann schon wieder zur Tagesordnung übergegangen sein wird oder ob - wenn das Schlimmste eintritt - den entfesselten Energien doch kein Einhalt gewährt werden konnte und jetzt noch gar nicht das ganze Ausmaß der Katastrophe klar ist.
Aber was doch deutlich ist, obwohl wir in guten Zeiten immer wieder geneigt sind, es zu verdrängen, ist doch dies: dass wir „es“ nicht im Griff haben.

Die Katastrophe von Japan hat auf ihre erschütternde Weise gezeigt, dass wir Menschen von der Wahnvorstellung besessen sind, alles beherrschen, alles steuern, alles selbst in die Hand nehmen zu können. Doch nun - da die Sache aus dem Ruder läuft - sind wir mit unserer menschlichen Fehlbarkeit und unserer Sünde konfrontiert. Es ist Sünde, davon auszugehen, dass wir Menschen alles, was wir planen, bauen und erforschen, auch beherrschen und verantwortungsvoll damit umgehen.
Es ist die Sünde, so sein zu wollen wie Gott.
Was für eine Überheblichkeit, was für eine Selbstüberschätzung des Menschen ist es, sich zuzutrauen, mit den Risiken von Atomkraftwerken in extrem erdbebengefährdeten Gebieten „fertig“ zu werden!
Werden wir aus dieser Selbstüberschätzung lernen?
Werden wir irgendwann entdecken, dass wir Gott allzu oft vergessen?
Wird uns das zu irgendeiner Art der Umkehr führen?
Je technisierter unsere Welt wird, desto mehr „spielt der Mensch Gott“.
Trotzdem ist das Bedürfnis der Menschen, so sein zu wollen wie Gott und unabhängig von ihm zu sein so alt wie die Menschheit selbst. Die Bibel erzählt gleich zu Beginn davon.

Aber obwohl Gott diese Sünde „bestraft“ und Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt, hört er doch nicht auf, weiterhin für die Menschen zu sorgen.

Ich merke, wie sehr ich neben aller Erschütterung über menschliche Wahnvorstellungen diesen Glauben an das sorgende und bewahrende Handeln Gottes brauche.
Es gibt ein Passionslied aus dem Libanon , das die Fragen nach dem Leid nicht ausschließt, aber Gottes Ja zum Leben in Jesus Christus stärker sieht als alles Leid der Welt. Es gibt uns vielleicht Halt und Stärke bei allem, was in den nächsten Wochen noch auf uns zukommen wird:

Warum leiden viele Menschen und ihr Leben ist bedroht?
Warum musste Jesus leiden einen bittern Kreuzestod?
Die Olivenbäume weinen,
Trauer legt sich auf mein Herz.
Schaut und seht im Vorübergehen, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz.

Dunkel scheinen mir die Tage und ich sehe oft kein Licht.
Gott erhöre meine Klage,
sei uns nah, verlass uns nicht.
Lass die Hoffnung in uns wachsen: Leben schafft sich wieder Raum.
Und das Holz des Kreuzes Jesu wird für uns zum Lebensbaum.

Lassen Sie uns mit dieser Hoffnung gegenseitig grüßen und stärken,

herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier. 

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (02/11)

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Römer 12, Vers 15

Liebe Leserinnen und Leser,

das neue Jahr liegt noch immer frisch und nahezu unberührt vor uns. Diese lange Zeit, die Monate des Jahres, so konkret vor sich zu sehen, ist immer ein besonderes Erleben am Jahresanfang. Auf der anderen Seite sind es aber auch gemischte Gefühle, die mich dabei bewegen: da ist die Angst, diese Zeit, die ich so genau vor mir sehe, nicht richtig nutzen zu können. Es ist die Angst, die Zeit verstreichen zu lassen, sie zu verschenken, ja vielleicht zu vergeuden. Nicht weil ich nicht tätig wäre, aber weil ich vielleicht das Falsche tue, nicht an der richtigen Stelle bin. So dass sich dann ein Jahr ans andere reiht und so wenig von dem sichtbar ist, was bleibt oder was mir den Eindruck von gelingendem, wirklich erfülltem Leben gibt.

Das ist eine der Ängste zum Jahresbeginn. Eine andere kennen Sie vielleicht auch. Sie hängt mit der Frage zusammen, was wohl kommen wird in diesem Jahr 2011.Niemand weiß es. Aber meine Frage diesbezüglich ist: Werde ich immer den Halt haben können, den ich mir wünsche? Auch in den Zeiten, in denen das Leben nicht nur seicht vor sich hinplätschert, sondern in denen es stürmischer zu werden droht?

Wenn ich den Aufruf des Paulus betrachte und auf mich wirken lasse, schimmert etwas durch, was für mich und die Gestaltung des Jahres Bedeutung haben könnte:“ Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Paulus ruft zu einem Mut zum Gefühl auf. In unserer Gesellschaft ist es oft nicht angebracht, seine Gefühle zu zeigen.
Das ist für viele Bereiche durchaus richtig so. Vieles ist auf der sachlichen Ebene zu regeln und zu erledigen. Außerdem kann ich nicht jedem Menschen gegenüber mein Innerstes nach außen kehren. Erstens wäre mein Gegenüber damit völlig überfordert und zweitens mache ich mich selbst verletzlich und angreifbar.

Andererseits beobachte ich aber auch das, was landläufig bei Jung und inzwischen auch Alt als Coolness bezeichnet wird. Bestimmte Gefühle wie Angst, Traurigkeit oder Wut haben oftmals nicht genügend Platz im Leben, sie dürfen zu wenig ausgelebt werden. Das Leben soll lieber locker, easy, eben cool sein. Ein Kind, das niemals seine Traurigkeit zeigen darf, weil die Eltern selbst Angst davor haben und sie nicht aushalten, wird sich möglicherweise sehr stark verschließen, wird eigene, manchmal gänzlich ungesunde Mechanismen entwickeln, um mit dem Kummer im Inneren fertig zu werden.

Mut zum Gefühl: Einerseits nehme ich wahr, dass die schwierigeren Dinge wie Trauer und Wut oft nicht den Raum, nicht den Platz bekommen, den sie bräuchten. Auf der anderen Seite besteht aber auch die Sehnsucht, die Gefühle zu leben und sie zuzulassen. Die Doku-Soaps, die man von morgens bis abends über den Bildschirm flimmern lassen kann, zeugen davon. Für alle Welt wird hier öffentlich gemacht - gut, oft gestellt, aber immerhin - was Menschen in ihrem Innersten und in Extremsituationen bewegt. Was man vielleicht nur angewidert wegschaltet, zeugt davon, dass Menschen ein großes Bedürfnis haben, auszuleben, was sie gerade berührt und innerlich beschäftigt.

Gefühle sind die Farben der Seele. Sie geben uns unsere Ausstrahlung und Lebendigkeit.
„ Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“ Wie gut tut es, wenn jemand an dem, was ich selbst erlebe Anteil nimmt und mit mir mitgeht. Wie gut tut es, wenn jemand meine Freude und mein Leid teilen kann.

Jesus hat uns durch sein Leiden gezeigt, dass er überall dorthin mitkommen kann, wo wir ihn brauchen, selbst bis in die Tiefen hinein. Das kann natürlich kein Mensch. Aber trotzdem kann ich diesem Vorbild Jesu hier und da nacheifern, und wenn ich es tue, erlebe ich, dass es mich selbst sehr stark bereichert.

In diesem Sinne grüße ich Sie alle zum Neuen Jahr,

herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier!

                                                                                                           

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (12/10)

Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. (Jesaja 61, Vers 10)

Liebe Gemeinde,

Freudensprünge einer Seele – es liegt nicht nur an meiner Erinnerung an Kindertage, dass ich dieses Erlebnis mit keiner anderen Zeit im Jahr so intensiv verbinde wie mit der Adventszeit.

Vielleicht kennen Sie den großen Geiger Yehudi Menuhin. Er hat Lebenserinnerungen geschrieben und sie „Unvollendete Reise“ genannt. An einer Stelle denkt er über die Interpretation eines Musikstückes nach: Im Idealfall spiele man eine Passage sehr gleichmäßig und lasse gerade so viel Unregelmäßigkeit zu, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibe; man beschränke sich auf das, was man vielleicht „La part de Dieu“ – den Part Gottes – nennen kann: jene Nuance, von der eine gute Aufführung fast unbewusst bestimmt ist. Die Noten, die Partitur in ihrer Bedeutung eindeutig klar – so exakt wie möglich – zu spielen … und trotzdem: es braucht jenen Spielraum, der mit allen Zeichen nicht zu machen ist und den wir doch zulassen dürfen in unserer eigenen Lebendigkeit – jene Freiheit, die Strahlkraft verleiht: La part de Dieu – Gottes Part. Über sich selbst hinaus ahnt man: Es gibt mehr - über den Rand der Noten, über alles Sichtbare hinweg – mehr: Sternstunden, Spielräume eigener Lebendigkeit, Raum und Zeit: La part de Dieu – Gottes Part.

In der Adventszeit ist unser Leben sehr häufig von einer regen – teilweise sehr hektischen – Geschäftigkeit beherrscht. Wir bemühen uns, das Weihnachtsfest sehr sorgfältig und intensiv vorzubereiten. Gerade in dieser Zeit überlegen wir uns, wie wir den uns nahe stehenden Menschen – und uns selbst – möglichst viel Freude machen können: wir denken über geeignete Geschenke nach, geben uns oft mehr Mühe als sonst mit der Zubereitung von Gebäck und anderen Speisen, putzen vielleicht auch unsere Wohnung ausgiebiger … . Wo es möglich ist, versuchen wir sie zu erwecken: Freude für andere und uns selbst.

In all diesem lebhaften Treiben und unserem geplanten Bemühen um Freude gibt es – so meine ich – Momente, in denen plötzlich und unberechenbar von anderswoher Freude hereinbricht. Eine Freude, die wir selbst nicht erzeugen können, und die völlig unabhängig von unseren Vorbereitungen entsteht. Über uns selbst hinaus ahnen wir: Es gibt mehr – über die Geschenke, über die saubere Wohnung, über alles Sichtbare hinweg – mehr: ungeahnte Glücksgefühle, Sternstunden, tiefe unfassbare Freude: La part de Dieu – Gottes Part.

Mag sein, dass es an der Eigenart der Adventszeit liegt, dass viele Menschen gerade dann sehr empfänglich für diese Art von Freude sind: Im Advent macht sich Jesus Christus auf den Weg zu uns Menschen. Er ist noch nicht an seinem Ziel angekommen, seine Reise ist noch „unvollendet“. Wenn wir wissen, dass sich ein Mensch zu uns auf den Weg macht, den wir lieb haben, dann sind wir oft schon vorher von einer tiefen Freude erfüllt. Das Warten auf ihn, die Spannung, die Vorstellung, wie es sein wird, wenn er da ist … all das bringt ungeahnte Glücksgefühle, Freudensprünge einer Seele.

Mag sein, dass es dieses Warten ist im Advent, diese Spannung, die uns empfänglich macht für eine Freude von anderswoher. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen für die Adventszeit: die Freudensprünge einer Seele. Vielleicht können Sie sich dann auch einmal wieder finden in den Worten eines afrikanischen Liederdichters:

Herr, ich werfe meine Freude
wie Vögel an den Himmel,
die Nacht ist verflattert.
Ein neuer Tag von Deiner Liebe,
Herr, wir danken Dir.

Herzlichst Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier