Andacht 2017 12 - Jesaja 52 Vers 7

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (12/17+01/18)
Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten (Jesaja 52, Vers 7)

Liebe Leserinnen und Leser,

die Sprache der Füße, so sagte es jemand, sei ehrlicher als die Sprache der Lippen: Stimmen können lügen.
Aber wie einer auftritt, zeigt meist sehr deutlich, was er will.
Wie jemand hineinkommt in einen Raum, das spricht meistens eine ganz eindeutige Sprache.
Oder wie jemand ankommt: auf dem Bahnhof oder zu Hause nach der Schule.

Und Sie kennen sicherlich auch die Schritte Ihrer Lieben.
Grundsätzlich ist es schön, die Schritte zu hören, wenn er oder sie überhaupt nach längerem Warten nach Hause kommt.
Je nachdem, welcher Art seine oder ihre Schritte gerade sind, wissen Sie vielleicht auch sofort, wie die Person gestimmt ist.
Kommt sie aufgeregt nach Hause oder eher zögerlich?

Im Beruf empfiehlt es sich wahrscheinlich manchmal auch, auf die Schritte der Chefin oder des Chefs zu achten.
Wie hören sich die Schritte an, gut gelaunt oder ärgerlich?

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten: lieblich.
Das verspricht Gutes, Neues, etwas, auf das man sich freuen kann.
Das sind keine bedrohlichen Schritte in Stiefeln, wie wir sie vom Militär aus den verschiedenen Diktaturen der Welt kennen.
Es sind Füße, die nichts und niemanden zu Boden treten.

Später in diesem Abschnitt bei Jesaja wird das Wort „lieblich“ noch genauer erklärt.
Lieblich sind die Füße, weil sie die gute Botschaft bringen, dass Gott zurückkommt.
„Gott kommt zurück!“ sagen die Füße.
Diese Vorstellung setzt voraus, dass Gott gegangen ist.
Dass er jederzeit gehen kann.
Von einem Tag auf den anderen.

Wahrscheinlich gibt es gerade zur Weihnachtszeit, die so stark vom Kommen Gottes in diese Welt redet, viele Menschen unter uns, die sich im Gegenteil von Gott verlassen fühlen.
Die den Eindruck haben, von Gott verlassen worden zu sein.
Vielleicht ist irgendetwas passiert, was sie nicht mehr richtig froh werden lässt oder was sie daran zweifeln lässt, dass Gott jemals zu ihnen zurückkommt. 

Gott kommt zurück, sagt der Prophet.
Also ist er gegangen.

Manchmal frage ich mich, wie es bei uns in der Kirche ist.
Sind wir hier in Deutschland, egal ob evangelisch oder katholisch, wirklich eine Kirche, in der Gott sich zu Hause fühlt, in die hinein er geboren werden will?
Ja, ist er überhaupt noch hier oder ist er vielleicht auch schon längst gegangen?
Ist er nicht gerade zu den Randständigen und Ausgestoßenen- wie den Hirten- gekommen?
Wo sind diese Menschen in unseren Gemeinden?
Für wen und wie treffen wir unsere Entscheidungen?
Welche Maßstäbe wenden wir an?
Entscheiden wir im Geist Jesu, oder lassen wir uns von dem treiben, wie es üblich ist, vom Mainstream, so, wie man es halt macht?
Wohin würde Gott mit Freude zurückkommen, vorausgesetzt, er ist gegangen?

Gott kommt zurück, sagt der Prophet.
Darum – so sagt er weiter: Freut euch, ihr Trümmer Jerusalems.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Trümmer sich freuen können.
Trümmer sind für mich der Inbegriff zerstörten Lebens.
Wie erschütternd ist es, wenn jemand sagt: „Mein ganzes Leben liegt in Trümmern.“
Wie oft haben wir im vergangenen Herbst wieder die Trümmer gesehen, die von den Hurrikans Irma, Harvey, Maria und wie sie noch alle heißen hinterlassen wurden.
Alles in Trümmern.

Trümmer sollen sich freuen, jubeln können?
Manchmal geht im eigenen Leben alles in die Brüche: Nichts scheint sich reparieren zu lassen, weder die Beziehung zu den Kindern, den Eltern, den Arbeitskollegen…
Solche Trümmer sollen jubeln?
Es ist schwer vorstellbar.

Aber: Es ist bald Weihnachten.
Warum eigentlich feiere ich, feiern viele Menschen eigentlich immer noch dieses Fest?
Mir selbst wird zu keiner anderen Zeit des Jahres als zu Weihnachten so deutlich, wie stark mein Leben von einer Vision, von Hoffnung getragen wird: von der Vision, dass Gott heil machen kann, was kaputt ist.
Gut, niemand von uns wird gleich dieses Jahr zu Weihnachten erleben, dass sofort alles heil wird, was zerbrochen ist oder sogar in Trümmern liegt.
Aber kleine Dinge ändern sich vielleicht schon jetzt zum Guten.
Und für alles Andere, was noch kaputt ist, gibt es noch viele Weihnachtsfeste, alle Jahre wieder.

In diesem Sinne grüße ich Sie mit den besten Wünschen für die Advents- und Weihnachtszeit und für ein gesegnetes Neues Jahr 2018.

Herzlich, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier