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Andacht 2019 12 - Jesaja 7 Vers 13

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Dezember 2019 – Januar 2020)
Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht, müsst ihr auch meinen Gott müde machen (Jesaja 7, Vers 13)

Liebe Leserinnen und Leser,  

sind Sie auch des Öfteren schon mitten am Tag müde?
Gerade in diesen letzten Tagen und Wochen des Jahres trifft die Müdigkeit wohl das Lebensgefühl vieler Menschen:
Im Beruf geht ein langes anstrengendes Jahr zu Ende und am Arbeitsplatz oder auch in der Schule und an den Unis muss gerade vor Jahresende noch viel erledigt, fertig gestellt und geschafft werden.
Viel länger – so scheint es – wäre der Stress nicht durchzuhalten.

Gut, dass dann irgendwann Weihnachten ist und das ganze System auf Entspannung schalten kann.  
Müdigkeit ist aber nicht nur körperlich bedingt oder durch Stress ausgelöst, sondern kann auch andere Ursachen haben.

Es gibt meines Erachtens eine Müdigkeit, die durch Enttäuschung entsteht:
So lange habe ich gehofft, so lange habe ich immer wieder Vertrauen gehabt, so lange habe ich einer Veränderung der Lage entgegengefiebert, und was ist jetzt?
Alles genau wie vorher oder noch viel schlimmer.
Ich kann nicht mehr, ich erwarte nichts mehr.
Es muss mir niemand mehr sagen, dass alles wieder gut wird, ich kann es nicht mehr hören, ich bin müde.

Der Prophet Jesaja behauptet, dass auch Gott müde werden kann.
Gott wird auch müde, wenn er enttäuscht ist, sagt der Prophet.
Und wir Menschen enttäuschen ihn, wenn wir nicht mehr an seine Zeichen und Wunder glauben, ihm nichts mehr zutrauen.

Aber das ist doch manchmal auch sehr schwer, oder?
Wie soll ich noch daran glauben, dass ein Wunder geschieht, wenn die ärztlichen Prognosen etwas ganz anderes beinhalten?
Wie kann ich noch Hoffnung haben, für Menschen, die tief in die Sucht gerutscht sind?
Welche Hoffnung gibt es noch für die Rettung unserer Umwelt, gegen das Sterben der Bäume, der Meere?

Es gibt Tage, da kann ich nicht mehr glauben, dass alles noch einmal anders, gut wird.
Dazu bin ich zu müde, daran zu glauben, dass Gott Zeichen und Wunder tut.  

Zu Weihnachten geschieht etwas Wunderbares: Eine junge Frau bringt ein Kind zur Welt.
Das geschieht zwar immer wieder, immer wieder werden junge Frauen schwanger und gebären ein Kind.
Es ist zwar Alltag, aber trotzdem ist es ein Wunder.

So sind die Zeichen Gottes: Sie passieren mitten im Alltag und sind trotzdem unglaublich.

Wenn wir das zu Ende gehende Jahr an uns vorüberziehen lassen, steht uns vielleicht doch im Rückblick vor Augen, wie unermüdlich Gott seine Zeichen gesetzt hat: im Alltag.
Vielleicht habe ich gespürt, dass er plötzlich da war, als ich ihn nicht erwartet habe.
Und das ist vielleicht wirklich ein großes Wunder: dass Gott immer an unserer Seite sein will:
Denn Menschen, die wir lieben, gehen zwar oft mit uns. Aber es gibt manche Situationen, da können sie nicht mit.
Durch manches muss ich alleine durch, da kann niemand mitgehen.

Das Mitsein der Menschen, auch meiner Liebsten, ist begrenzt.
Gott hingegen ist grenzenlos mit uns, alle Tage und während er bei uns ist, geschehen möglicherweise manchmal Wunder.  

Darum können wir Hilde Domins Gedicht immer wieder bedenken, ein wahres Weihnachtsgedicht, wie ich finde:
Nicht müde werden sondern leise dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Advent und Weihnachten sowie für den Jahreswechsel und das Neue Jahr. 
Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier