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Andacht 2020 02 - Markus 9 Vers 24

Andacht von Pfarrerin Margret Noltensmeier (Februar 2020 – März 2020)
Ich glaube, hilf meinem Unglauben! (Markus 9, Vers 24) Jahreslosung 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

„was fällt dir zu der Jahreslosung ein?“ fragte ich meinen Mann, als ich diese Andacht vorbereitete.
„Auf Anhieb fällt mir dazu Herr R. ein“, sagte er.
Herr R. ist der Pastor, der ihn konfirmiert hat.
„Herr R. hat immer gesagt: Ich glaube bedeutet Ich weiß.“ 
Achso: Ich glaube bedeutet „ich weiß“.

Das ist eine starke Aussage.
Wenn das ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zu ihren Konfirmand*innen sagt, stelle ich mir die Wirkung vor, die es hat.
Was für eine Überzeugung!
Dieser Satz hat mit Sicherheit für viele der Konfirmand*innen von Herrn R. eine prägende Wirkung gehabt, einen immer wieder stärkenden Einfluss in Krisenzeiten, denn es sind wirklich Worte, die sofort präsent sind.

Ich glaube heißt Ich weiß.
Ich gebe zu, dass ich selber lange Strecken so durch mein Leben gehe.
Strecken, auf denen ich mir meines Glaubens so sicher bin, dass er mir wie ein unumstößliches Wissen vorkommt.
Das ist eine wunderbare Erfahrung, eine schöne Art zu leben auch und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen von Ihnen ähnlich geht.

Trotzdem möchte ich mich dem Satz des Konfirmators meines Mannes nicht anschließen.
Ich möchte und kann meinen Glauben nicht festzementieren als eine unumstößliche Wahrheit, als ein überprüfbares Wissen.
Denn andere Menschen haben ihren eigenen Glauben, der sich sicherlich von meinem unterscheidet und gerade in Zeiten, in denen wir nur zehn Schritte von unserem Haus entfernt Menschen antreffen , die einer anderen Religion angehören, ist es wichtig, das immer wieder zu bedenken.

Regina Polack, eine katholische Theologin aus Wien, hat neulich gesagt: „Glaube ist ein Geschenk. Und wenn ich meinen eigenen Glauben als Geschenk betrachte, dann kann ich nicht umhin, auch den Glauben der anderen als Geschenk zu betrachten.“
 
Aber noch aus einem anderen Grund kann ich mich Herrn R. nicht anschließen.
Denn abgesehen davon, dass andere Menschen anders glauben, gibt es doch auch im eigenen Leben Zeiten, in denen ich mit meinem Glauben ringen muss.
Zeiten, in denen er sich eben nicht sanft und geschmeidig in meinen Alltag einschmiegt, sondern in denen mir der Unglaube näher ist.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ das sagt im Markusevangelium ein Vater, der seinen kranken Sohn zu Jesus bringt und diesen um Heilung bittet.
Jesus sagt ihm, als er kommt: Alle Dinge sind möglich, dem der glaubt.
Gerade in einer solchen Extremsituation, in der sich der Vater eines kranken Kindes befindet, wird deutlich, wie eng Glaube und Unglaube zusammen liegen.

Einerseits will ich mich tragen lassen, von dem, was mich immer getragen hat.
Aber im nächsten Moment merke ich schon, wie das Fundament unter meinen Füßen rissig wird: Ich kann nicht glauben, ich bin verzweifelt.
Aber nein doch: Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!

Ich fand einen neuen Liedtext auf eine alte Melodie, der schön manchen Zwiespalt und Zweifel zum Ausdruck bringt und doch erkennt, dass das nicht alles ist:
Mit allen meinen Fragen steh ich, mein Gott, vor dir.
Die Stimmen vieler Menschen sind ruhelos in mir.
Was sage ich dazu? Worauf kann jeder hoffen?
Was helfen wird, bleibt offen.
Doch mittendrin bist du. Mit allen meinen Fragen lässt du mich nicht allein.
Bei dir sind keine Zweifel bedeutungslos und klein.
Ins Weite klingt dein Ton,
nicht hohl und fest geschrieben.
Wo wir einander lieben,
lebt in uns was davon.

Herzlich grüße ich Sie, Ihre Pfarrerin Margret Noltensmeier