Andacht 2020 03 - Passionsandacht auf Youtube

Passionsandacht  LIVE auf  Youtube am Mittwoch, den 25. März 2020 - von Pfarrerin Margret Noltensmeier

Liebe Zuschauer*innen hier in der evangelischen Kirchengemeinde Schwalenberg und anderswo.

Als sich die Ereignisse überschlugen, als zuerst alle Klassenfahrten abgesagt wurden, dann die Bundesländer nacheinander oder auch zeitgleich entschieden, die Schulen bis zu den Osterferien zu schließen und als wir am selben Abend erfuhren, dass keine Gottesdienste mehr stattfinden dürften, war es vier Wochen vor Ostern.

Der Corona- Ausnahmezustand, diese Zeit, in der alles anders ist, beginnt also mitten in der Passionszeit.
Das bewegt mich immer wieder, wenn ich daran denke: Es ist nicht September oder Juni oder Januar, sondern es ist März, wenige Wochen von Karfreitag entfernt:
Es ist die Zeit, in der wir uns als Christen und Christinnen daran erinnern, was Jesus erleiden musste, bevor er am Kreuz auf Golgatha starb.

Früher habe ich immer versucht, Jesus in seinem Leiden dadurch ein bisschen näher zu kommen oder zumindest ansatzweise eine Ahnung davon zu bekommen, indem ich auf irgendetwas verzichtet habe in diesen sieben Wochen vor Ostern.
Die Passionszeit ist Fastenzeit, und sie hat in unserer Kirche auch ihr Gesicht durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“, die ich auch deshalb so wunderbar finde, weil sie auch Jugendliche so sehr anspricht.
„Was fastest du in diesem Jahr?“ höre ich immer wieder junge Menschen einander fragen.

Man kann auf alles Mögliche verzichten, es begann ursprünglich mit Alkohol, aber Handyfasten, zumindest zu bestimmten Zeiten, ist sehr verbreitet.
Oder es ist der Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten oder überhaupt auf Industriezucker.
Der Verzicht, das Fasten ist für viele Menschen ein Weg, besser zu verstehen, was es heißen könnte zu leiden und es ist ein Weg, solidarisch zu sein mit denen, die leiden.
Ich habe auch versucht zu verzichten seit Aschermittwoch, auf Süßigkeiten und nach Möglichkeit auch auf Kuchen.   

In den letzten Tagen habe ich jedoch gedacht: Jetzt – seit Corona da ist - brauche ich das eigentlich nicht mehr.
Ich muss mir selbst im Moment keinen Weg suchen, um die Passionszeit stärker zu spüren, sondern sie ist von selbst da jetzt.
Sie ist ganz nahegekommen, erschreckend nahe, wie ich finde.

Diese Nähe entdecke ich auf zweifache Weise.
Als Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen nach Jerusalem kommt kurz vor dem Passafest, dem letzten, das er feiern wird, da überschlagen sich die Ereignisse.
Die Passionsgeschichten der Evangelien erzählen es, und Bach hat diese Dramatik besonders in der Matthäuspassion eindrücklich vertont:
Als der Stein erst mal ins Rollen gekommen ist, nachdem Jesus in Jerusalem eingezogen ist und noch mit Palmenzweigen und Hosianna empfangen wird, da überschlagen sich die Ereignisse:
er kann zwar noch das Passamahl mit seinen Jüngern essen, aber dann geht es Schlag auf Schlag:
er wird verraten, er wird verspottet und verhöhnt, geschlagen, verurteilt, die Leute würfeln um seine Kleider, er muss eine Dornenkrone tragen und so weiter.
Die Ereignisse überschlagen sich, man kommt nicht mehr mit, es geht in einem rasanten Tempo.

Und da kann ich sagen: Ja…, Jesus: zwar nicht so wie du, längst nicht so wie du, aber ich weiß und viele wissen … zum ersten Mal im Leben,  … wie es ist, wenn sich die Ereignisse überschlagen.
Zuerst ging es noch relativ langsam: kein Händeschütteln mehr, immer wieder die Hände waschen, viel öfter als sonst, und auch mal desinfizieren, dann die Überlegungen: kann ich das noch machen?
Kann ich noch da oder dort hinfahren?
Soll ich ihn oder sie noch besuchen?
Aber dann ging es schneller: keine Versammlungen mehr über 1000, Fußballspiele vor leeren Rängen, verstärkte Arbeit im Homeoffice, dann keine Klassenfahrten.
Dann Schulen, Kitas und Universitäten zu, keine Gottesdienste, Zweimeter-Sicherheitsabstand und jetzt: fast völliger Shutdown bei Restaurants, Friseursalons, vielen Geschäften, Kontaktverbote seit Sonntagnachmittag in ganz Deutschland.

Was ist da passiert in der einen Woche?
Ich komme nicht hinterher.
Die Ereignisse überschlagen sich.

Und da kommt mir die Passionsgeschichte auf einmal nahe.
Ich weiß jetzt, wie es ist, wenn sich stündlich oder gar minütlich bisher vertrautes Leben ändert.
Ich erahne die Dimension der Rasanz, des unglaublichen Tempos von Ereignissen, die die Passion Jesu hat.
Ich weiß, wie es ist, wenn eine Sache eine ungeheure Fahrt aufnimmt, bei der unklar ist, ob sie noch mal zum Halten kommt.
Diese Dimension kommt mir nahe, zum ersten Mal im Leben.
Aber gut, das ist vielleicht noch eine eher äußerliche Affinität.

Das Zweite ist stärker.
Ich entdecke in diesen Tagen zwar unglaublich viel Neues, viel neue Kreativität, ganz viel Solidarität…und es macht Spaß, sich auf neue Wege zu begeben.
Aber bei allem bleibt doch deutlich: es geht um Leben und Tod.
Das Leben lieber Menschen ist bedroht, und auch mein eigenes.
Diese Bedrohung liegt in der Luft, ihr gehören meine ersten Gedanken, wenn ich morgens aufwache.
Es geht um Leben und Tod, wie bei Jesus.

Am nächsten kommt mir das, wenn ich nach Italien blicke.
Und ich muss sagen, ich kann das schon fast gar nicht mehr an mich ranlassen.
Italien ist für mich der Inbegriff von Lebensfreude, die dolce vita, es sind die Bilder von unbeschwerten Sommerurlauben am See, von Sonne, gutem Essen und gutem Wein, von Städten voll unfassbarer Schönheit.
Und jetzt das Sterben.
700 Tote in der Lombardei täglich, oder sind es mehr? Ich will es gar nicht wissen.

Es geht um Leben und Tod.
Darum muss ich im Moment gar nicht unbedingt auf etwas verzichten, um besser zu begreifen, was die Passionszeit, Jesu Passion bedeutet.
Ich weiß es jetzt.
Corona hat es mich gelehrt.

In ein paar Wochen wird Ostern sein.
Ostern ist das Fest, auf das die Passionszeit zuläuft.
Wenn wir es auch in diesem Jahr ganz anders feiern werden als sonst, so bleibt eins doch gleich:
Wir gehen mit der Hoffnung weiter, dass in diesem Kampf um Leben und Tod letztlich das Leben gewinnen wird.

Lassen Sie uns an dieser Hoffnung festhalten, zunächst einmal bis zum nächsten Mittwoch, wenn wir uns von derselben Stelle aus wieder bei Ihnen melden.