Andacht 2020 04 - 08.04.2020 auf Youtube

Liebe Zuschauenden heute Abend,

gestern gab es eine kleine Notiz in der Zeitung über die sogenannten Corona-Körbe in Italien.
Die Corona-Körbe sind eine Idee, um der ärmsten Bevölkerungsgruppe zu helfen.
Immer mehr Menschen hängen Körbe mit Lebensmitteln, zum Beispiel Nudeln und Keksen an die Zäune oder aus dem Fenster, und jeder und jede in Not kann sich den Korb nehmen oder einfach auch nur etwas herausnehmen.
Das Schöne aber ist auch, dass manchmal Kinder ein Bild dazu malen, und dann das Motto der Krise dazu schreiben, nämlich "alles wird gut."

Alles wird gut… ich muss sagen, dass das in den meisten Zeiten meines Lebens mein grundlegendes Lebensmotto ist, von dem ich zutiefst überzeugt bin: alles wird gut.
Alles wird gut… ja, ich möchte wirklich auf dieser Überzeugung mein Leben aufbauen.
Und es ist auch meine Überzeugung, weil unter diesem Satz so eine Hoffnung liegt.
Eine Hoffnung, die mich die Verbindung spüren lässt mit Ostern, auf das wir ja in dieser Woche zugehen.
Ostern ist das Erwachen neuen Lebens, der Sieg des Lebens über den Tod und die Hoffnung, dass sich auch dort noch etwas ändert, wo ich längst alles verloren geglaubt habe.
Ostern ist für mich die Illustration der Behauptung, dass alles gut wird.
Daran will ich festhalten und deswegen haben mich auch die Kinderbilder in den Coronakörben so bewegt.

Auf der anderen Seite denke ich natürlich auch, dass man nicht zu vorschnell und unbekümmert diesen Satz anbringen sollte - also: man sollte ihn nicht einfach so raushauen.
Denn es gibt ja auch die andere Seite. Dass wir es anders erleben, nämlich dass nicht alles gut wird.
Wir erleben, dass längst nicht alles gut wird und dass manches nie wieder gut wird.

Was mich gestern erschüttert hat, war eine Nachricht von Krankenschwestern und Krankenpflegern aus Großbritannien.
Sie haben gesagt: Okay, es ist unser Job, dass wir mit dem Tod zu tun haben.
Wir kennen das in unserem Beruf, dass Menschen sterben. Damit gehen wir tagtäglich um.
Und wir wissen, dass es für manche Menschen keine Rettung mehr gibt. Wir können alles tun, aber sie sterben irgendwann.
Das ist normal, damit lernen wir, zurechtzukommen. 
Aber jetzt hat das eine völlig neue, wirklich schreckliche Dimension bekommen.
Wir sind jetzt quasi Richter über Leben und Tod.
Wir müssen entscheiden, wen wir medizinisch behandeln können und wen nicht.
Wir müssen entscheiden, wen wir an die Geräte anschließen oder nicht.
Das heißt, wir lassen einfach Menschen sterben, die wir unter normalen Umständen hätten retten können, die wir hätten heilen können, die wir normalerweise gesund gepflegt hätten.

Eine fürchterliche Entscheidung. Und eine ungeheure Gewissensqual, in die Ärztinnen und Pfleger einfach so hineinrutschen. 

Da wird nichts mehr gut. Das kommt unheimlich nahe, finde ich, alleine wenn ich denke, dass die Entscheidung zu beatmen über jemanden getroffen werden muss, den ich kenne.
Aber auch sonst erlebe ich in meinem Alltag eben auch Dinge, die nicht gut sind und die auch nicht mehr gut werden.
Wir haben ja noch Trauerfeiern.
Und bei schönem Wetter und Sonnenschein und unter dem Gesang der Vögel kann auch am Grab eine hoffnungsvolle Stimmung sein.
Aber trotzdem: die wenigen Menschen, die da sein dürfen, stehen wirklich sehr weit auseinander.
Das ist natürlich richtig, aber es ist auch schwer.
Wer gerade jemanden verloren hat, der weiß, wie gut es tut, in den Arm genommen zu werden dort am Grab.
Ich finde es wirklich schwer, dass so mit anzusehen, dass die Angehörigen da so berührungslos stehen müssen. Ohne Beistand, ganz isoliert.

Übermorgen ist Karfreitag. Und es gibt für diesen Tag einen Vers aus dem Propheten Jesaja, den ich unzählige Male an diesem Tag schon vorgelesen habe, aber der jetzt wirklich ungeheuer pulsiert:
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Wer auch immer bei Jesaja ursprünglich damit gemeint war, da ist jemand, vielleicht Gott selbst oder für uns Christen dann Jesus, der unsere Krankheit und unsere Schmerzen trägt.
Das habe ich wirklich noch nie so gehört wie dieses Jahr an Karfreitag: dieses Jahr ist zu Karfreitag die ganze Welt krank.
Zum Glück sind viele gesund, aber die Krankheit umfasst die ganze Welt, eine Krankheit - buchstäblich - beherrscht die Welt.
Es gibt keinen Winkel auf der ganzen Welt, in den ich vor ihr fliehen könnte.
Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen…

Karfreitag macht mir deutlich, dass Gott selbst in Jesus am Kreuz bereit ist, unsere Welt mit ihrer ganzen Krankheit zu tragen und nicht aufzugeben.
Er geht mit uns in diese Tiefe hinein, in der wir universal, global im Moment angekommen sind.
Das tröstet mich sehr, einen Gott zu haben, der nicht irgendwie aus der Höhe auf diese coronagebeutelte Welt hinabschaut, sondern selbst in der Summe all das miterleidet, was wir im Einzelnen, jeder und jede für sich grad mitmachen.
Das tröstet mich: Denn fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Der Text geht noch weiter und lautet so:
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Ja, durch seine Wunden sind wir geheilt. 
Die Heilung wird kommen.
Schon an Ostern wird etwas durchschimmern, werden wir etwas erahnen von einer Heilung, auf die wir schon mit unserem Leben zugehen.
Denn getragen ist unsere Welt von der Überschrift, die am Horizont aufleuchtet und die wir im Licht des Ostermorgens erahnen.
Die Überschrift heißt: Alles wird gut.

Amen