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Andacht 2020 04 - Osterandacht auf Youtube

Liebe Zuschauenden,

nun ist es doch Ostern geworden. 

Als vor gut vier Wochen feststand, dass es erst mal keine Gottesdienste mehr geben würde, weder zu Karfreitag noch zu Ostern, schien es mir wirklich zuerst, als würden diese Tage in diesem Jahr dann wohl komplett entfallen.
Denn was ist Ostern ohne diesen gemeinsamen Jubel über die Auferstehung Christi,
ohne das Christ ist erstanden, das aus den Trompeten und Posaunen erschallt,
ohne das in eine dunkle Kirche hereinbrechende Licht des Ostermorgens,
ohne die geteilte Freude, nach Passion und Kreuzestod Jesu wieder dem Leben entgegen gehen zu können?

Gestern Abend war ich kurz im Gemeindehaus.
Normalerweise wäre da so kurz vor der Osternacht alles wunderbar dekoriert gewesen, bunt und liebevoll gedeckte Tische, gefärbte Eier, Osterhasen, Blumen… alles für das gemeinsame Osterfrühstück unserer Gemeinde.
Gestern Abend war es sachlich nüchtern in den Räumen, …kein Hinweis auf Feier, auf etwas Besonderes.
Ja, alles ist anders in diesem Jahr.
Obwohl alles  was wir für unsere Feier brauchen ausgefallen ist, ist es trotzdem  Ostern geworden, es lässt sich nicht wegdrängen.
Ostern fällt nicht aus. 

Im Gegenteil, ich hatte in den  letzten Tagen sogar das Gefühl, dass dieses Fest herbeigesehnt wird, viel stärker als zu normalen Zeiten, manchmal sogar mit einer ganz  großen Zuversicht, dass Ostern eine irgendwie geartete Wende bringen würde, dass es uns ermöglichen würde wieder nach vorne zu schauen.
Erst mal ist diese Wende nicht da. 
Am Karfreitag sind in New York so viele Menschen gestorben an Corona wie noch nie zuvor und in Italien ist beschlossen worden, noch für mindestens drei weitere Wochen genauso weiter zu machen, wie es vor fünf Wochen begonnen hatte.
Und wie es in Deutschland weitergeht…
Das Virus ist da und wird sich nicht Hals über Kopf verabschieden. 

Schauen wir in die Geschichte, die ich Ihnen zu Beginn vorgelesen habe, das Osterevangelium nach Johannes.
Maria steht am Grab Jesu morgens ganz früh und weint.
Frau, was weinst du? Wird sie gefragt von zwei Engeln, wie Johannes sagt, die im Grab sitzen.
Frau was weinst du? Was für eine Frage… sie hat einen lieben Menschen verloren, aber ich glaube, in diesem Moment ist es noch mehr… es ist wirklich Marias Verzweiflung darüber, dass der Leichnam nicht mehr da ist.
Sie war früh schon am Grab gewesen, hatte da schon gesehen, dass der Stein, der das Grab schützt, nicht mehr da war und dann ist sie erst mal wieder zurückgelaufen, um das anderen zu erzählen und dann kommt sie zum zweiten Mal zum Grab und sieht: dass es tatsächlich so ist.
Der Leichnam ist weg, und das muss sie wirklich in die Verzweiflung treiben.
Sie wollte noch Abschied nehmen, ihn salben, noch einmal berühren.
Und jetzt ist nichts mehr da, steht sie vor dem leeren Grab.
Maria erlebt so eine Situation, wie sie manche von uns kennen:
Da ist schon etwas richtig schwer, fordert all meine Kraft, erfordert alles, dass ich mich soeben noch aufrecht halten kann…
aber dann kommt noch etwas dazu, und dann geht’s nicht mehr.
Dann bricht… mein System zusammen. 
Frau was weinst du … fragen die, die da im Grab sitzen.
Maria kriegt es soeben noch raus… ich stehe hier vor einem leeren Grab, ich wollte ihn noch mal sehen, aber jetzt, jetzt haben sie ihn weggenommen und ich weiß nicht mal wohin, …wohin sie ihn gelegt haben.
Ich weiß gar nicht, wo ich ihn suchen soll.
Das Grab ist leer, sie haben Jesu Leichnam weggenommen und ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll.
Das ist Marias Version.
Das ist ihre Erklärung für das, was sie da erlebt.

Auch darin ist mir Maria unwahrscheinlich nahe und vielleicht kennen Sie, kennt ihr das auch.
Ich habe auch immer meine Erklärungen und auch meine Phantasien für das, was gerade geschieht.
Besonders wenn es darum geht, mir Sorgen zu machen.
Er sieht so schlecht aus, was ist mit ihm?
Sie sagt nichts, ihre Stimme hört sich so traurig an, was ist los mit ihr… und ich reime mir dann alles mögliche zurecht und das worauf ich komme, trägt nicht dazu bei, dass es mir besser geht.

Auch Maria reimt sich eigentlich alles Mögliche zusammen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingetragen haben.
So redet sie und redet sie und plötzlich… sagt jemand ihren Namen.
Der Kreislauf der Gedanken wird durchbrochen.
Jemand durchbricht, dass Maria sich weiter in ihre Verzweiflung hineinsteigert.

Ja, das ist für mich Ostern, dass etwas hindurchbricht… dass das was hier gerade ist, dass das was die ganze Welt gerade gefangen hält, durchbrochen wird.
Maria hört ihren Namen, da gibt es eine Beziehung und diese Beziehung ist nicht zu Ende.
Der Auferstandene hält an seiner Beziehung zu Maria fest, Gott hält an seiner Beziehung zu uns fest… auch in diesen Corona Zeiten.
Und ich glaube er kann auch den Kreislauf der Nachrichten durchbrechen, die Zahlen, die neuesten Erkenntnisse, die man sich sofort morgens auch nach dem Aufstehen reinziehen kann… er kann das durchbrechen, uns beim Namen rufen und sagen: Es ist Ostern.
Ich bin da. 

Ja, Ostern gibt Hoffnung, es durchbricht den Kreislauf unseres Bemühens, Fortschreitens , Sorgens, weil wir daran erinnert werden, dass wir auch noch mit einer Kraft rechnen können, die außerhalb unserer selbst liegt.
Als der Auferstandene Marias Namen nennt, da sagt er ihr noch etwas: … und es ist wirklich unglaublich, dass das da jetzt steht in der Ostergeschichte in diesen Coronazeiten. Er sagt: Rühre mich nicht an.
Nichts ist uns näher als diese Aufforderung und wir haben es ja auch gelernt und verinnerlicht.
Wir dürfen uns nicht berühren.
Traurig bleibt es immer noch.
Niemanden in den Arm nehmen, selbst wenn er oder sie Geburtstag hat.
Aber noch viel schlimmer: viele unter uns durften die Hand ihrer sterbenden Lieben nicht halten.
Jesu sagt: Rühre mich nicht an und ich kann zum ersten Mal wahrscheinlich nachvollziehen, wie schockiert Maria darüber gewesen sein muss.
Rühre mich nicht an - auch eine Art Kontaktverbot.
Maria ist sicherlich schockiert, aber sie muss es auch lernen.
Sie muss lernen, dass der Auferstandene nicht mit den Händen zu greifen ist, dass er nicht zu begreifen ist.
Er sagt: Ich bin da, aber anders als früher. Ich lebe, aber ich bin nicht in meinem alten Leben zurück.

Wird nicht Auferstehung in diesem Jahr auch besonders deutlich?
Nach Corona wird alles anders sein.
Wir gehen nicht in das Alte Leben zurück.
Jesus ist auch nicht in das alte Leben zurückgegangen.
Das hat er hinter sich gelassen.
Aber entscheidend ist doch, dass er ins Leben gegangen ist.

Amen